{"id":1095,"date":"2012-09-05T09:49:38","date_gmt":"2012-09-05T08:49:38","guid":{"rendered":"http:\/\/maeluiza-penzberg.de\/wp\/?p=1095"},"modified":"2014-08-20T10:04:57","modified_gmt":"2014-08-20T09:04:57","slug":"brasilien-von-gegensaetzen-und-gerechtigkeit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/maeluiza-penzberg.de\/wp\/?p=1095","title":{"rendered":"Brasilien &#8211; Von Gegens\u00e4tzen und Gerechtigkeit"},"content":{"rendered":"<p><strong>Brasilien ist das vermutlich bunteste Gemisch von V\u00f6lkern auf dieser Erde, und im Grunde genommen ist die brasilianische Art zu leben vom Grundsatz \u201cleben und leben lassen\u201d gepr\u00e4gt, es gibt aber drei Achsen des sozialen Z\u00fcndstoffs, die tief verankert sind und deren selbstverst\u00e4ndliche Pflege uns Deutsche, mit unserer zweifelhaften Vergangenheit, etwas erschreckt.<\/strong><\/p>\n<figure id=\"attachment_1096\" aria-describedby=\"caption-attachment-1096\" style=\"width: 225px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-1096 size-medium\" title=\"\u00a9 Joachim \/ FrKr ML\" src=\"http:\/\/maeluiza-penzberg.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/bras_12-idosos2-c-frkr-ml-225x300.jpg\" alt=\"Bild eines M\u00e3e Luizianischen Urgesteins\" width=\"225\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/maeluiza-penzberg.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/bras_12-idosos2-c-frkr-ml-225x300.jpg 225w, http:\/\/maeluiza-penzberg.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/bras_12-idosos2-c-frkr-ml.jpg 600w\" sizes=\"(max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1096\" class=\"wp-caption-text\">Klaus mit einer Bewohnerin des Espaco Solid\u00e1rio. Maria Gon\u00e7ala geh\u00f6rt zu den ersten Bewohnern der beginnenden Favela M\u00e3e Luiza. Sie fl\u00fcchtete, wie viele hier, vor der Trockenheit im Hinterland.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Einmal der Gegensatz zwischen Arm und Reich, zum Anderen die Spannungen zwischen hell- und dunkelh\u00e4utig und eigentlich auch noch die Missachtung der Nordestinos (also der Nordbrasilianer) durch die Menschen weiter im S\u00fcden.<br \/>\nDiese drei Achsen lassen sich leicht zu einer zusammenf\u00fchren:<br \/>\nDer Reiche Wei\u00dfe im S\u00fcden verachtet den Armen Dunkelh\u00e4utigen im Norden. Das ist tiefster Kolonialismus, unter dem dieses Land bis heute leidet. \u2013 Nur tun wir das nicht weltweit?<\/p>\n<p><strong>schwarz und wei\u00df<\/strong><br \/>\nEin brasilianischer Spruch (den ich mir bestimmt nicht zu eigen machen m\u00f6chte) lautet: \u201cWenn der Neger nicht am Eingang sch***t, dann sch***t er am Ausgang\u201d. Soll hei\u00dfen, dass dunkle Hautfarbe schon mal grunds\u00e4tzlich eine Garantie f\u00fcr Misstrauen und Abwertung ist.<br \/>\nIm sozialen Ansehen stehen ganz unten die indianisch aussehenden Menschen, dann die Dunkelh\u00e4utigen, dann kommt lange nichts und dann kommen die Wei\u00dfen.<br \/>\nDazu eine Anekdote aus dem Espaco Solid\u00e1rio: <em>Nenem <\/em>geh\u00f6rte zu den ersten Bewohnern des Seniornheims. Sie ist mittlerweile verstorben, war wei\u00df und aus etwas besserem Hause. Sie war liebenswert und anst\u00e4ndig und bestimmt nicht rassistisch. Als Padre Rob\u00e9rio sein Amt antrat, der seine indigenen Wurzeln nicht verleugnen kann, krummelte sie st\u00e4ndig vor sich hin. Als sie ihn dann doch ins Herz geschlossen hatte, tat sie einmal den Ausspruch: \u201cNa ja, so dunkelh\u00e4utig is er ja eigentlich doch gar nicht.\u201d<br \/>\nAuch die Dunkelh\u00e4utigen selbst sind eher selten stolz auf ihr Aussehen. Das Sch\u00f6nheitsideal ist wei\u00df und blond mit geraden Haaren.<\/p>\n<p><strong>arm und reich<\/strong><br \/>\nAls europ\u00e4ischer \u201cKaasloawe\u201d hat man, besonders in einem armen Viertel wie M\u00e3e Luiza, ein grunds\u00e4tzliches Problem: Man ist wei\u00df. Dies hat jetzt weniger mit Rassismus zu tun, als mit der Tatsache, dass die Gleichung gilt: wei\u00df = reich; damit blendet man die Menschen nicht nur durch seinen wei\u00dfen Bauch, sondern man sticht geradezu als lukratives Opfer f\u00fcr einen \u00dcberfall ins Auge. Wenn auch unsere Anwesenheit im Viertel schnell bekannt ist und \u201cDIE alem\u00e3os\u201d hier gro\u00dfe Wertsch\u00e4tzung genie\u00dfen, kann man (v.a. allein) in den falschen Gassen doch schnell in Bedr\u00e4ngnis geraten.<br \/>\n\u201cWei\u00df = reich\u201d entspricht ja auch den Tatsachen. Auch der deutsche Student ist im Verh\u00e4ltnis reich. In Brasilien nimmt maximal ein Drittel der Bev\u00f6lkerung am eigentlichen Wirtschaftskreislauf teil, die Mehrheit lebt am Rande des Existenzminimums und h\u00e4lt sich, wenn es gut geht, mit kleinen Jobs \u00fcber Wasser. Wenn es schief geht \u2026 tja \u2013 wer hier kriminell wird, sichert meist nur das \u00dcberleben seiner Familie, im schlimmsten Fall sichert er seine Drogenkarriere.<br \/>\nDer durchschnittliche Wei\u00dfe hier ist Gro\u00dfgrundbesitzer oder in irgendeiner Chefetage t\u00e4tig, wohnt im bewachten Wohnviertel in Luxus und hat f\u00fcr die Probleme der Armen nur bedingt Verst\u00e4ndnis. Der durchschnittliche wei\u00dfe Tourist, der sich bis ins Armenviertel vor traut, sucht allzu oft Frischfleisch statt ehrliche Begegnung. Und dann kommt da der dunkelh\u00e4utige Arme \u2026 und schon schlie\u00dft sich der Teufelskreis zwischen Misstrauen und Ausbeutung und die ersten beiden Achsen w\u00e4ren vereint \u2026<\/p>\n<figure id=\"attachment_1097\" aria-describedby=\"caption-attachment-1097\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/maeluiza-penzberg.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/bras_12-sertao-c-frkr-ml.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-1097 size-medium\" title=\"\u00a9 Gerhard \/ FrKr ML\" src=\"http:\/\/maeluiza-penzberg.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/bras_12-sertao-c-frkr-ml-300x225.jpg\" alt=\"Blick in das Gestr\u00fcpp der Sert\u00e3o\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"http:\/\/maeluiza-penzberg.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/bras_12-sertao-c-frkr-ml-300x225.jpg 300w, http:\/\/maeluiza-penzberg.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/bras_12-sertao-c-frkr-ml.jpg 800w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-1097\" class=\"wp-caption-text\">Der Nordosten Brasiliens ist nur schwer zu bewirtschaften, das bringt viele Menschen in Bedr\u00e4ngnis, deshalb sind sie noch lange nicht weniger wert.<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Nordestino<\/strong><br \/>\nDer Nordosten Brasiliens hatte immer schon Probleme. Im Hinterland wird es sehr schnell knochentrocken und die Niederschl\u00e4ge kommen unregelm\u00e4\u00dfig. Hier Landwirtschaft zu betreiben ist risikoreich, das \u00dcberleben schwer zu sichern. Besonders ab den 60er bis in die 90er Jahren gab es wegen gro\u00dfer D\u00fcrren enorme Landflucht. Fast die H\u00e4lfte der Bev\u00f6lkerung S\u00e3o Paulos geht darauf zur\u00fcck, und auch die Armenviertel um Natal sind in diesen Jahren ziemlich angewachsen.<br \/>\nAn den K\u00fcsten im Nordosten war in der Kolonialzeit die Lage gar nicht so schlecht, da man hier gro\u00dfe Zuckerrohrplantagen hatte. Als der Zucker an Bedeutung verlor, bzw. der Preis verfiel, zog auch hier die Armut ein.<br \/>\nDie Armut des Nordostens ist also stukturell bedingt, und h\u00e4ngt mit Kolonialisation und Vegetationszonen zusammen.<br \/>\nIrgendwie auch nicht verwunderlich, dass man weiter im S\u00fcden skeptisch auf die vielen Fremden und Entwurzelten ohne Arbeit schaute und schaut.<br \/>\nWenn man weit in den S\u00fcden Brasiliens blickt, so hat man den Eindruck, dass dort die nationalen Str\u00f6mungen auch st\u00e4rker sind als im Norden. Zu allem \u00dcberfluss sitzen dort auch noch die Nachkommen der emigrierten deutschen Nazis. Nun will ich sicher nicht behaupten, dass im S\u00fcden lauter Nazis wohnen, aber wo die Grundgesinnung nationaler wird, ernten die Armen und Schwachen meist auch weniger Verst\u00e4ndnis.<\/p>\n<p><strong>Im Grunde ist Brasilien unsere Welt im Kleinen.<\/strong><br \/>\nAuch weltweit gesehen gibt es nur wenige Reiche, die bis heute in Kolonialisten-Manier die Anderen ausbeuten und sich dann wundern, wenn die Anderen aufbegehren oder auch ein St\u00fcck vom Kuchen haben wollen.<br \/>\nUnd wir hier in Deutschland geh\u00f6ren praktisch alle, mit nur wenigen Ausnahmen, zu diesen Reichen.<br \/>\nSo m\u00fcsste eigentlich die Forderung der Armen nicht nur gegen die brasilianische Oberschicht, sondern gegen alle Reichen L\u00e4nder dieser Welt lauten:<\/p>\n<blockquote><p><em>&#8222;Gebt uns gerechte L\u00f6hne f\u00fcr unsere Arbeit, dann braucht ihr uns keine Almosen zu geben.&#8220;<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Dann ist der Ball wieder bei uns, wenn wir im Supermarkt stehen, das T-Shirt f\u00fcr 2,99 Euro, die Mango f\u00fcr 29 Cent, den Zucker f\u00fcr 59 Cent, das i-Pad f\u00fcr 249 Euro, die Putenbrust f\u00fcr 79 Cent, und die Milch f\u00fcr 45 Cent kaufen. Dann wird es pl\u00f6tzlich konkret und furchtbar schwierig. Wo d\u00fcrfen wir jetzt eigentlich zu recht sparen und wo werden wir zu Ausbeutern?<br \/>\nWie auch immer, wenn wir mit einer gerechteren Welt ernst machen wollen, dann werden wir uns in Deutschland auf schlechtere Zeiten einstellen m\u00fcssen.<br \/>\nWenn dabei innerhalb von Deutschland allerdings die Armen immer \u00e4rmer, und die Reichen immer reicher werden, ist das bestimmt nicht der richtige Weg. Das Ergebnis sehen wir in Brasilien. So schlie\u00dft sich wieder mal ein Kreis. \u2026<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Brasilien ist das vermutlich bunteste Gemisch von V\u00f6lkern auf dieser Erde, und im Grunde genommen ist die brasilianische Art zu leben vom Grundsatz \u201cleben und leben lassen\u201d gepr\u00e4gt, es gibt aber drei Achsen des sozialen Z\u00fcndstoffs, die tief verankert sind und deren selbstverst\u00e4ndliche Pflege uns Deutsche, mit unserer zweifelhaften Vergangenheit, etwas erschreckt. Einmal der Gegensatz zwischen Arm und Reich, zum Anderen die Spannungen zwischen hell- und dunkelh\u00e4utig und eigentlich auch noch die Missachtung der Nordestinos (also der Nordbrasilianer) durch die Menschen weiter im S\u00fcden. Diese drei Achsen lassen sich leicht zu einer zusammenf\u00fchren: Der Reiche Wei\u00dfe im S\u00fcden verachtet den [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":5,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1,140],"tags":[92,187,188,189],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/maeluiza-penzberg.de\/wp\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1095"}],"collection":[{"href":"http:\/\/maeluiza-penzberg.de\/wp\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/maeluiza-penzberg.de\/wp\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/maeluiza-penzberg.de\/wp\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/5"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/maeluiza-penzberg.de\/wp\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1095"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/maeluiza-penzberg.de\/wp\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1095\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1100,"href":"http:\/\/maeluiza-penzberg.de\/wp\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1095\/revisions\/1100"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/maeluiza-penzberg.de\/wp\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1095"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/maeluiza-penzberg.de\/wp\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1095"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/maeluiza-penzberg.de\/wp\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1095"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}