{"id":1008,"date":"2012-08-14T18:05:57","date_gmt":"2012-08-14T17:05:57","guid":{"rendered":"http:\/\/maeluiza-penzberg.de\/wp\/?p=1008"},"modified":"2014-08-16T18:26:29","modified_gmt":"2014-08-16T17:26:29","slug":"brasilien-und-der-glaube","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/maeluiza-penzberg.de\/wp\/?p=1008","title":{"rendered":"Brasilien und der Glaube"},"content":{"rendered":"<p>Wenn man sich in Deutschland in eine Fr\u00fchmesse begibt, m\u00f6chte man (so muss ich es leider sogar als Mensch, der sich gerne mitten in dieser Gemeinschaft bewegt) oft am liebsten gleich wieder r\u00fcckw\u00e4rts raus, weil man den Verdacht hat, sich in ein Requiem verirrt zu haben.<br \/>\n30 Menschen in einer Kirche f\u00fcr 200 Leute, gut verteilt, alle im Alter zwischen 70 und 95, dazu Musik von 1695, wo von den armen S\u00fcndern im Jammertal gewinselt wird.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1009\" aria-describedby=\"caption-attachment-1009\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/maeluiza-penzberg.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/bras_12-hartl-expressionistisch-c-hartl-frkr-ml.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-1009 size-medium\" title=\"\u00a9 Gerhard \/ FrKr ML\" src=\"http:\/\/maeluiza-penzberg.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/bras_12-hartl-expressionistisch-c-hartl-frkr-ml-300x198.jpg\" alt=\"Expressionistisches Bild zum Thema Trauer und Tod\" width=\"300\" height=\"198\" srcset=\"http:\/\/maeluiza-penzberg.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/bras_12-hartl-expressionistisch-c-hartl-frkr-ml-300x198.jpg 300w, http:\/\/maeluiza-penzberg.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/bras_12-hartl-expressionistisch-c-hartl-frkr-ml.jpg 606w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-1009\" class=\"wp-caption-text\">Manchmal ist Christ-Sein in Mitteleuropa schon eine ziemliche Spa\u00df-Bremse<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die erste Regung: Das z\u00fccken des Geldbeutels bei der Gabenbereitung. Dabei hat man den Eindruck, dass man sich ernsthaft Sorgen macht, ob der Nachbar sehen wird, dass man vermeintlich zu viel oder zu wenig in das Opferk\u00f6rberl geworfen hat.<br \/>\nDie zweite Regung: Der Friedensgruss, wo man \u2013 allzu \u00fcbertriebenen \u00dcberschwang vermeidend- dem Nachbarn mit einem grimmigen Brummen kurz die Hand reicht und sich \u00fcberlegt, ob man sich nach hinten auch umdrehen soll, oder ob dort eine Person sitzt, der man lieber nicht die Hand reicht.<br \/>\nDritte Regung: Die Bewegung zur Kommunion, wo man sich \u00fcberlegt, ob die Predigt nicht zu lang war, damit man den Schweinsbraten noch rechtzeitig ins Rohr bekommt.<\/p>\n<p>Zum Gl\u00fcck ist das nicht die ganze Wahrheit \u2013 in Brasilien ist dies aber auf jeden Fall <em>ganz<\/em> anders.<br \/>\nWenn um 10.00 Uhr die Kirche beginnt, so trudeln die Menschen zwischen 9.30 Uhr und 10.30 Uhr langsam ein, begr\u00fc\u00dfen sich mit einem \u201cTudo bem?\u201d \u2013 \u201cTudo bom!\u201d (\u201cUnd, ois klar?\u201d \u2013 \u201cJa, passt scho!\u201d) und feiern erst mal das Leben, bis der Pfarrer dann allm\u00e4hlich bemerkt wird.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1010\" aria-describedby=\"caption-attachment-1010\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignright\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-1010 size-medium\" title=\"\u00a9 Gisela \/ FrKr ML\" src=\"http:\/\/maeluiza-penzberg.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/bras_12-igreja-friedensgruss-c-gisela_0030-frkr-ml-300x225.jpg\" alt=\"Bild in der Kirche von M\u00e3e Luiza \/ Natal\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"http:\/\/maeluiza-penzberg.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/bras_12-igreja-friedensgruss-c-gisela_0030-frkr-ml-300x225.jpg 300w, http:\/\/maeluiza-penzberg.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/bras_12-igreja-friedensgruss-c-gisela_0030-frkr-ml.jpg 600w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1010\" class=\"wp-caption-text\">In Brasilien ist Gottesdienst Leben<\/figcaption><\/figure>\n<p>Hier wird mit gro\u00dfen Lautsprechern gearbeitet, weil der Stra\u00dfenl\u00e4rm von der Hauptstra\u00dfe sonst alles verschlucken w\u00fcrde; Nat\u00fcrlich gibt es auch hier keine Glasfenster.<br \/>\nNeben dem Stra\u00dfenl\u00e4rm ist auch der Ratsch-Ger\u00e4uschpegel ziemlich hoch. (Bei der Wandlung flaut er etwas ab.) Zwischendurch rufen alte Frauen sich zu, wo noch ein Sitzplatz frei w\u00e4re, Kleinkinder erkunden das Terrain und ab und zu verirrt sich ein Betrunkener, der sich kurz vor dem Altar nieder wirft und dann wieder verschwindet.<br \/>\nBei der Predigt versichert sich der Priester immer wieder, ob die Leute noch mitdenken. Das kann mal ein \u201cOder?\u201d sein, das mit einem \u201cJawoi!\u201d beantwortet wird, oder man meldet sich mal auf die Frage, wer diese Erfahrung auch schon gemacht h\u00e4tte, oder auch dieser Meinung w\u00e4re.<\/p>\n<p>Die Musik stammt mindestens aus dem 20. Jahrhundert oder j\u00fcnger. Die Band singt zwar nicht immer ganz richtig, aber laut und begeistert. Die Fehler w\u00fcrden auch nicht auffallen, weil alle lauthals mitsingen und einige dabei die Oktaven rauf und runter schleifen, dass es eine wahre Freude ist.<br \/>\nDas Evangelium wird mit einem respektvollem Applaus abgeschlossen.<\/p>\n<p>Das Happening bricht sp\u00e4testens zum Friedensgru\u00df los, wo man allen Bekannten und Nicht-Bekannten begeistert in die Arme f\u00e4llt, um sich ein \u201cPaisch Chrischte\u201d zuzurufen.<br \/>\nDas Ganze ist wirklich Leben, und was sollte Glaube auch anderes sein?<\/p>\n<p>Manchmal stutzen wir k\u00fchlen Mitteleurop\u00e4er auch. Wenn die Mitmachpredigt allzusehr an amerikanische Effekt-Prediger erinnert, wenn Heiligenfiguren mit blinkendem Heiligenschein den Kitschfaktor in Schreikrampfn\u00e4he bewegen und Lieder mit allzu extatischen Bewegungen untermalt werden.<br \/>\nAber hier kann ich es mittragen, es geh\u00f6rt zur Kultur, es ist nicht gespielt oder in sofortiger Erleuchtungserwartung psychotisch \u00fcbersteigert.<br \/>\n(Wenn man auch den Eindruck hat, dass es auch Priester gibt, die ganz bewusst \u00fcbertreiben und vielleicht auch noch vereinzelt eine riesen Gaudi dabei haben, die Menschen nicht ernst zu nehmen. \u2013 Aber das ist sicher nicht die Regel und auch nicht in M\u00e3e Luiza der Fall.)<br \/>\nSolche charismatischen Str\u00f6mungen sind mir in Deutschland wesentlich mehr suspekt.<\/p>\n<p>Ist Brasilien aber deshalb schon katholisch?<br \/>\nAuf dem Papier schon. Die katholische Kirche hat es hier aber gar nicht leicht gegen die vielen Befreiungs- und Pfingstkirchen anzukommen. Einige f\u00fcr uns \u00fcbertriebene charismatische Praktiken sind auch eine Antwort auf die vielen charismatischen sektenartigen Gemeinschaften, die es hier gibt und die alle noch lauter in die Viertel hinausbr\u00fcllen.<br \/>\nAu\u00dferdem sind die Naturreligionen, die Afrikaner und Ureinwohner mitbrachten (bzw. hatten), hier noch recht pr\u00e4sent und ein gro\u00dfer Teil der Leute findet gar nichts dabei katholisch zu sein und gleichzeitig irgendwelche anderen Kulte mit der gleicher \u00dcberzeugung zu unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p>Eines ist sicher:<br \/>\nDie katholische Kirche ist hier (und in vielen Entwicklungsl\u00e4ndern) eine der wenigen Kr\u00e4fte, die vor Ort wirklich konsequent an der Seite der Armen und Unterdr\u00fcckten steht.<br \/>\nUnd es gibt so viele gro\u00dfartige Priester, Ordensleute und Freiwillige, die teilweise sogar ihr Leben aufs Spiel setzen, um an der Seite der Armen zu stehen, und ihre Situation zu verbessern.<\/p>\n<p>Vatikan und Weltkirche k\u00e4mpfen diesen Kampf sicher nicht immer \u00fcberzeugend und konsequent mit, einzelne Standpunkte sind auch kontraproduktiv, aber die Kirche stellt auf jeden Fall ein unverzichtbares Gegengewicht dar, gegen eine ungez\u00fcgelte Weltwirtschaft, die die Armen dieser Welt konsequent verarscht und ausbeutet.<\/p>\n<p>Es ist immer leicht mit vollem Bauch von Deutschland aus der Kirchenf\u00fchrung tausend Vers\u00e4umnisse vorzuwerfen (keine Frage, dieser Vers\u00e4umnisse gibt es gen\u00fcgend), um sich selbst nicht dem Gef\u00fchl aussetzen zu m\u00fcssen, dass man vielleicht selbst das Evangelium nicht konsequent genug lebt.<\/p>\n<p>Hier geht es um wahre Menschlichkeit, um Gerechtigkeit, um Frieden. Wenn es so wie hier auf Gewalt, Armut, Verzweiflung und Ausbeutung trifft werden einem die Abgr\u00fcnde, die in uns Menschen schlummern und die Widerspr\u00fcchlichkeiten unseres Seins schmerzlich bewusst.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn man sich in Deutschland in eine Fr\u00fchmesse begibt, m\u00f6chte man (so muss ich es leider sogar als Mensch, der sich gerne mitten in dieser Gemeinschaft bewegt) oft am liebsten gleich wieder r\u00fcckw\u00e4rts raus, weil man den Verdacht hat, sich in ein Requiem verirrt zu haben. 30 Menschen in einer Kirche f\u00fcr 200 Leute, gut verteilt, alle im Alter zwischen 70 und 95, dazu Musik von 1695, wo von den armen S\u00fcndern im Jammertal gewinselt wird. Die erste Regung: Das z\u00fccken des Geldbeutels bei der Gabenbereitung. 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